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Umbau und Erweiterung für die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung
Das Deutschlandhaus beheimatet seit Juni 2021 die Dauerausstellung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung sowie Büro- und Veranstaltungsflächen des Entwicklungsministeriums.
Das Deutschlandhaus in Berlin-Kreuzberg wurde unter der Leitung des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR) – Referat IV 6 – für die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung hergerichtet und erweitert. Die Bereiche für die Stiftung wurden im Sommer 2019 baulich fertiggestellt. Die Arbeiten an den übrigen Bereichen (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie Gastronomie) folgten im Frühjahr 2021. Die Vorbereitungen für den Ausstellungsbetrieb fanden in Eigenregie der Stiftung statt.
Von 1926 bis 1935 errichtet, blickt das Gebäude auf eine eindrucksvolle Geschichte zurück: In seinen ersten Jahren war es als Teil des Gebäudekomplexes Europahaus eine beliebte Tanz- und Vergnügungsstätte. Das Gebäudeensemble beherbergte Cafés, Festsäle, den Europa-Tanz-Pavillon, ein Varieté-Theater und einen Kinosaal mit 2.000 Plätzen.
Nach starken Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg wurde das im Stil der Neuen Sachlichkeit gestaltete Gebäude mit seinen markanten Fassadenelementen aus rotem Porphyr, einem vulkanischen Gestein, wiedererrichtet. Während der Ära Adenauer (1949–1963) erhielt das Haus mit der Pflege der ostdeutschen Kultur eine neue Bestimmung und war ein Begegnungsort für Vertriebene und erste Anlaufstelle für Geflüchtete aus der DDR.
1974 wurde die Stiftung Deutschlandhaus gegründet und das Haus gleichlautend in Deutschlandhaus umbenannt. Der Name schmückte viele Jahre die Fassade über dem Hauptportal. Nach der Auflösung der Stiftung im Jahr 1999 nutzten unterschiedliche Mieter das Gebäude für Bürozwecke.
Seit der Eröffnung am 23. Juni 2021 informieren im Deutschlandhaus eine Dauerausstellung, die barrierefrei gestaltet ist, sowie wechselnde Ausstellungen über die Themen Flucht, Vertreibung und Versöhnung, insbesondere in der Geschichte Deutschlands. Die Dauerausstellung gliedert sich in die beiden Bereiche „Eine europäische Geschichte der Zwangsmigrationen“ im 1. Obergeschoss und „Flucht und Vertreibung der Deutschen“ im 2. Obergeschoss. Eine Bibliothek mit Zeitzeugenarchiv und ein Raum der Stille für das individuelle Gedenken intensivieren die Auseinandersetzung der Besucherinnen und Besucher mit der komplexen Thematik.
Konzept für den Umbau und die Erweiterung
Virtuelle Darstellung des Ausstellungsbereichs
Das Bestandsgebäude des Deutschlandhauses wurde nach dem Entwurf des Architekturbüros Marte.Marte Architekten aus Österreich saniert und umgebaut.
Der L-förmige Bestandsbau wird nach dem Entwurf von Marte.Marte Architekten mit einem kubischen Neubau ergänzt.
Der Entwurf erhält die denkmalgeschützten straßenseitigen Gebäudeflügel des ursprünglichen Baus aus den 1930er-Jahren. Der Rest des Gebäudes weicht einem modernen Museumskubus, welcher an die bereits vorhandene Form anschließt und die Bestandsarchitektur in Anlehnung an den ursprünglichen Kinosaal erweitert. Mit seiner klaren architektonischen Formsprache setzt der Erweiterungsbau reizvolle Akzente und steht für das Neue im Austausch mit dem Bestehenden.
Die Lichtfuge verbindet den historischen Bestandsbau mit der modernen Erweiterung.
Dieser Wechsel von Alt zu Neu wird durch ein viergeschossiges Atrium sichtbar: Eine schmale hohe Fuge trennt den kubischen Neubau vom historischen Bestand. Das Atrium schließt nach oben hin mit einem L-förmig verlaufenden Glasdach ab, welches natürliches Licht einlässt und den Bestandsbau mit dem Neubau verbindet.
Neben Räumen für die umfangreiche Dauerausstellung und die Wechselausstellungen mit über 2.200 Quadratmetern stehen auf weiteren rund 3.700 Quadratmetern künftig auch Büro- und Veranstaltungsflächen zur Verfügung. Diese werden überwiegend vom benachbarten Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) genutzt.
Umgang mit dem Bestand
Denkmalgerecht instandgesetzte Schaufensterfassade im Erdgeschoss des Bestandsgebäudes
Die Bestandsfassaden entlang der Stresemannstraße und der Anhalter Straße wurden denkmalgerechte aufbereitet. Zudem wurden die historischen Gebäudebereiche des Altbaus schadstoffsaniert, entkernt und neu ausgebaut.
Bei den Arbeiten stellten die ausführenden Gewerke einige erhebliche Mängel fest. Durch Bombeneinschläge im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, wurde das Deutschlandhaus 1960 nach dem damaligen Standard und mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln wieder aufgebaut.
Diese Ausführung entsprach nicht mehr den heutigen Ansprüchen an ein modernes und sicheres Bauwerk: Stützen und Träger fehlten teilweise ganz oder waren stark verschoben und verrostet. Zudem fanden sich im Untergrund die Fundamentreste des Vorgängerbaus, die beim Wiederaufbau nicht beseitigt worden waren. Damit das Bauprojekt gelingen konnte, mussten diese Mängel beseitigt und der Bestandsbau instandgesetzt werden.
Vorgehen beim Neubau
In der Luftperspektive des Rohbaus sind das L-förmige Bestandsgebäude und der Erweiterungsbau sichtbar.
Durch den teilweise vollzogenen Abbruch des Anbaus aus den 1960er-Jahren entstand die Fläche für die umfangreichen Gründungsarbeiten. Auf diesem Fundament nahm das monolithische Sockelgeschoss mit jedem Baufortschritt weiter Form an.
Die markante Wendeltreppe führt in das 2. Obergeschoss.
Der moderne Erweiterungsbau zeichnet sich insbesondere durch technisch anspruchsvolle statische Zwischenbauzustände und bis zu 16 Meter hohe Sichtbetonwände aus. Eine weitere Herausforderung stellte der Einbau der 900 Quadratmeter großen, weitgespannten Sichtbetondecke im 1. Obergeschoss dar.
Zentrales Element der räumlichen Gestaltung des Dokumentationszentrums ist eine markante Wendeltreppe. Sie prägt und verbindet die Räume der Dauerausstellung.
Im Erdgeschoss befinden sich ein Veranstaltungssaal sowie die Räumlichkeiten für Wechselausstellungen. Hinter dem großen Schaufenster in der Anhalter Straße liegt der Raum der Stille, welcher den Besucherinnen und Besuchern zum individuellen Gedenken bereitsteht.
Abschließende Arbeiten
Der Innenausbau ist im Frühsommer 2019 nahezu abgeschlossen.
Für die Ausstellungsbereiche im 1. und 2. Obergeschoss wurde ein Sichtestrich – ein Estrich mit geschliffener Oberfläche – als Bodenbelag ausgewählt, welcher die von den Architekten intendierte monolithische Materialität sicherstellt. Die Verkleidung des Veranstaltungssaales besteht hingegen komplett aus Eichenholz.
Sowohl der künftige Gastronomiebereich als auch der Museumsshop erhielten ihre Einbauten aus der Bauzeit und damit einen nostalgischen Charme zurück. In den Außenanlagen des Deutschlandhauses begann im Sommer 2019 die Realisierung der Kunst am Bau. Der Siegerentwurf der Arbeitsgemeinschaft ANNABAU Architektur und Landschaft mit Via Lewandowsky sieht vor, hunderttausende Nägel in die schwarze Asphaltoberfläche einzubringen. Die Nägel markieren dabei die einzelnen Etappen der Flucht.
Fertigstellung und Übergabe
Die Bereiche für die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung wurden im Sommer 2019 baulich fertiggestellt. Die übrigen Arbeiten sind seit Frühjahr 2020 abgeschlossen. Die Kunst am Bau wurde im Herbst 2020 finalisiert.
Das für einen Teil der Dauerausstellung vorgesehene 1. Obergeschoss
Am 9. Juni 2020 übergab das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung das Deutschlandhaus an die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Der ursprünglich für März vorgesehene Termin musste aufgrund der Corona-Pandemie um einige Wochen verschoben werden. Die Eröffnung der Stiftungsbereiche für Besucher erfolgte am 23. Juni 2021.