Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung

Bauprojekt Deutschlandhaus - Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Umbau und Erweiterung des Deutschlandhauses für das Ausstellungs- und Dokumentationszentrum der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Sanierte Altbaufassaden des Deutschlandhauses in Berlin Bauliche Fertigstellung des Dokumentationszentrums der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung Die Straßenfassaden des Deutschlandhauses nach der baulichen Fertigstellung der Stiftungsbereiche im Sommer 2019 Quelle: BBR / Hans Martin Sewcz

Projektdaten

  • Nutzer Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung sowie Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
  • Adresse Stresemannstraße 90, 10963 Berlin, Deutschland
  • Architektur Marte.Marte Architekten ZT GmbH, Feldkirch (Österreich)
  • Projektleitung Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Referat IV 6
  • Gesamtkosten rund 62,6 Millionen Euro
  • Baubeginn 2015
  • Fertigstellung 2019 (bauliche Fertigstellung der Stiftungsbereiche)
  • Bruttogrundfläche rund 12.700 Quadratmeter
  • Nutzfläche rund 7.200 Quadratmeter
  • Wettbewerb 2011, nichtoffener, anonymer Wettbewerb nach vorgeschaltetem, offenem Bewerbungsverfahren nach der Vergabeordnung für freiberufliche Leistungen (VOF-Verfahren)

Projektbeschreibung

Das Deutschlandhaus in Berlin-Kreuzberg wurde unter der Leitung des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR) für die Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung hergerichtet und erweitert. Die Bereiche für die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung wurden im Sommer 2019 baulich fertiggestellt. Die Arbeiten an den übrigen Bereichen (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie die Gastronomie) wurden bis Frühjahr 2020 abgeschlossen. Die Vorbereitungen für den Ausstellungsbetrieb finden in Eigenregie der Stiftung statt.

Von 1926 bis 1935 errichtet, blickt das Gebäude auf eine eindrucksvolle Geschichte zurück: In seinen ersten Jahren war das spätere Deutschlandhaus gemeinsam mit dem angrenzenden Europahaus eine beliebte Tanz – und Vergnügungsstätte. Das Gebäudeensemble beherbergte Cafés, Festsäle, den Europa Tanz Pavillon, ein Varieté-Theater und einen Kinosaal mit 2.000 Plätzen.

Nach starken Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg wurde das im Stil der Neuen Sachlichkeit errichtete Gebäude mit seinen markanten Fassadenelementen aus rotem Naturstein wieder errichtet. Während der Ära Adenauer erhielt das Haus mit der Pflege der ostdeutschen Kultur eine neue Bestimmung und war ein Begegnungsort für Vertriebene und erste Anlaufstelle für Geflüchtete aus der DDR.

1974 wurde die Stiftung Deutschlandhaus gegründet und das Haus gleichlautend in Deutschlandhaus umbenannt. Der Name schmückte viele Jahre die Fassade über dem Hauptportal. Nach der Auflösung der Stiftung im Jahr 1999 nutzten unterschiedliche Mieter das Gebäude für Bürozwecke.

Nach der Eröffnung werden hier eine Dauerausstellung sowie wechselnde Ausstellungen über die Themen Flucht, Vertreibung und Versöhnung, insbesondere in der Geschichte Deutschlands, informieren. Eine Bibliothek mit öffentlichem Lesesaal, ein Archiv mit Zeitzeugenberichten und ein Raum der Stille für das individuelle Gedenken intensivieren die Auseinandersetzung der Besucherinnen und Besucher mit der komplexen Thematik.

Projektverlauf

Konzept für den Umbau und die Erweiterung

Das Bestandsgebäude des Deutschlandhauses wurde nach dem Entwurf des Architekturbüros Marte.Marte Architekten aus Österreich saniert und umgebaut.

Der Entwurf erhält die denkmalgeschützten straßenseitigen Gebäudeflügel des ursprünglichen Baus aus den Dreißigerjahren. Der Rest des Gebäudes weicht einem modernen Museumskubus, welcher an die bereits vorhandene Form anschließt und die Bestandsarchitektur in Anlehnung an den ursprünglichen Kinosaal erweitert.

Mit seiner klaren architektonischen Formsprache setzt der Erweiterungsbau reizvolle Akzente und steht für das Neue im Austausch mit dem Bestehenden. Dieser Wechsel von Alt zu Neu wird durch ein viergeschossiges Atrium sichtbar: Eine schmale hohe Fuge trennt den kubischen Neubau vom historischen Bestandsgebäude. Gleichzeitig schließt das Atrium mit einem L-förmig verlaufenden Glasdach ab, welches natürliches Licht einlässt und den Bestandsbau mit dem Neubau verbindet.

Neben Räumen für die umfangreiche Dauerausstellung sowie Wechselausstellungen mit über 2.200 Quadratmetern stehen auf weiteren rund 3.700 Quadratmetern künftig auch Büro- und Veranstaltungsflächen zur Verfügung, die überwiegend vom benachbarten Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) genutzt werden.

Umgang mit dem Bestand

Die Bestandsfassaden entlang der Stresemannstraße und der Anhalter Straße erhielten eine denkmalgerechte Aufbereitung. Zudem wurden die historischen Gebäudebereiche des Altbaus schadstoffsaniert, entkernt und neu ausgebaut.

Bei den Arbeiten stellten die ausführenden Gewerke einige erhebliche Mängel fest. Durch Bombeneinschläge im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, wurde das Deutschlandhaus 1960 nach dem damaligen Standard und mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln wieder aufgebaut.

Seine Ausführung entsprach nicht mehr den heutigen Ansprüchen an ein modernes und sicheres Bauwerk: Stützen und Träger fehlten teilweise ganz oder waren stark verschoben und verrostet. Zudem fanden sich im Untergrund die Fundamentreste des Vorgängerbaus, die beim Wiederaufbau nicht beseitigt worden waren. Grundvoraussetzungen für den gelungenen Ablauf der Bauphase waren die Beseitigung dieser Mängel und die Instandsetzung des Bestandsbaus.

Vorgehen beim Neubau

Durch den teilweise vollzogenen Abbruch des Anbaus aus den 1960er Jahren entstand eine Fläche für die umfangreichen Gründungsarbeiten. An dieser Stelle nahm das monolithische Sockelgeschoss mit jedem Baufortschritt weiter Form an.

Der moderne Erweiterungsbau zeichnet sich insbesondere durch technisch anspruchsvolle statische Zwischenbauzustände und bis zu 16 Meter hohe Sichtbetonwände aus.

Eine besondere Herausforderung stellte auch der Einbau der 900 Quadratmeter großen, weitgespannten Sichtbetondecke im ersten Obergeschoss dar.

Zentrales Element der räumlichen Gestaltung des Dokumentationszentrums ist eine markante Wendeltreppe. Sie prägt und verbindet die Räume der Dauerausstellung.

Die markante Wendeltreppe im Inneren des Deutschlandhauses in Berlin Deutschlandhaus Die markante Wendeltreppe führt in das zweite Obergeschoss. Quelle: © Roland Horn

Im Erdgeschoss befinden sich ein Veranstaltungssaal sowie die Räumlichkeiten für Wechselausstellungen. Hinter dem großen Schaufenster in der Anhalter Straße liegt der Raum der Stille, welcher den Besucherinnen und Besuchern zum individuellen Gedenken bereitsteht.

Denkmalgerecht instandgesetzte Schaufensterfassade im Erdgeschoss des Deutschlandhauses in Berlin Deutschlandhaus Denkmalgerecht instandgesetzte Schaufensterfassade im Erdgeschoss des Bestandsgebäudes Quelle: BBR / Hans Martin Sewcz

Abschließende Arbeiten

Für die Ausstellungsbereiche im ersten und zweiten Obergeschoss wurde ein Sichtestrich – ein Estrich mit geschliffener Oberfläche – als Bodenbelag aufgebracht, der die von den Architekten intendierte monolithische Materialität sicherstellt. Die Innenverkleidung des Veranstaltungssaals besteht hingegen komplett aus Eichenholz.

Sowohl der künftige Gastronomiebereich als auch der Museumsshop erhielten ihre historischen Einbauten aus der Bauzeit und damit einen nostalgischen Charme zurück.

Im Außenbereich begann im Sommer 2019 die Realisierung der Kunst am Bau der Arbeitsgemeinschaft ANNABAU Architektur und Landschaft mit Via Lewandowsky: Der Siegerentwurf für die Kunst am Bau in den Außenanlagen des Deutschlandhauses sieht die Einbringung Hunderttausender von Nägeln in die schwarze Asphaltoberfläche vor, wobei die unzählbaren Nägel für die Markierung einzelner Etappen der Flucht stehen.

Fertigstellung und Übergabe

Die Bereiche für die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung wurden im Sommer 2019 baulich fertiggestellt. Die übrigen Arbeiten wurden im Frühjahr 2020 abgeschlossen, mit Ausnahme der Kunst am Bau.

Am 9. Juni 2020 übergab das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung das Deutschlandhaus an die Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Die ursprünglich für März 2020 vorgesehene Übergabe musste aufgrund der Corona-Pandemie um einige Wochen verschoben werden.

Deutschlandhaus

Bild / Video 1 von 12

Blick auf den  Neubau des Deutschlandhauses in Berlin im Rohbau-Zustand Deutschlandhaus Die markante Rotunde der künftigen Wendeltreppe prägt schon im Rohbau das besondere Erscheinungsbild der künftigen Ausstellungsfläche. Quelle: BBR / Hans Martin Sewcz

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