Quartiers-Impulse: Neue Wege zur Stärkung der lokalen Wirtschaft
Konzept
Projekt-Struktur
Im Forschungsfeld wurde in einer zweijährigen Experimentierphase anhand von insgesamt acht ausgewählten Modellvorhaben untersucht, mit welchen Konzepten und Instrumenten eine stadtteilbezogene Wirtschaftsförderung erfolgreich sein kann. In den Modellgebieten sollte mindestens ein Unternehmen, eine Organisation des Quartiersmanagements und möglichst eine Bank beteiligt sein.
Die Gesamtstruktur des Forschungsfeldes orientierte sich dabei an der britischen Idee der Business Broker:
Mit Mitteln aus dem Experimentellen Wohnungs- und Städtebau wurden in den Modellgemeinden Maßnahmen (mit)finanziert, die zur Umsetzung folgender drei Experimentierlinien geeignet erschienen:
- Aufbau bzw. Stärkung lokaler Netzwerke und kleinbetrieblicher "Cluster":
Hauptzielgruppe der durchgeführten Fördermaßnahmen waren Kleinbetriebe, die in ihrer Zuliefer-, Absatz- und Arbeitsmarktverflechtung z.T. eine starke lokale "Einbettung" aufweisen. Diese Betriebe sind trotz ihres engen Nachbarschaftsbezugs über vielfältige Verflechtungsbeziehungen, z.B. durch das Einkommen ihrer Kunden oder durch die vom gesamtstädtischen Immobilienmarkt beeinflussten Gewerbemieten, in regional- und gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge eingebunden. Zum Konzept des Forschungsfelds gehörte es daher, bei der Förderung des lokalen Standortumfelds solche Maßnahmen zu ergreifen, die die Profilierung der Modellgebiete innerhalb der Gesamtstadt bzw. der Region unterstützen. Zur Steuerung dieser Maßnahmen wurden vorhandene Quartiers-Netzwerke gestärkt bzw. neue Netzwerke gebildet. - Einbindung von Unternehmen mit "standortgebundenem" ökonomischen Interesse in die Quartiers-Entwicklung im Sinne des Corporate Community Involvement:
In allen Modellvorhaben wurden Maßnahmen zur Stärkung lokaler Netzwerke bzw. kleinbetrieblicher "Cluster" mit Schritten zur Mobilisierung privaten Engagements verbunden. Neue "Governance"-Konzepte gehen davon aus, dass Stadtentwicklungspolitik eine Gemeinschaftsaufgabe ist, die von privaten Unternehmen, den Bürgerinnen und Bürgern und der öffentlichen Hand gemeinsam zu schultern ist. Die lokale Netzwerkbildung ist in dieser Hinsicht ein sich selbst verstärkender Prozess, da in solchen Netzwerken entstandene Vertrauensbeziehungen zwischen öffentlichen und privaten Akteuren dazu führen können, dass sich kleine und mittlere Unternehmen stärker für das Gemeinwesen engagieren. - Erprobung von Mikrokrediten als Instrument der Quartiers-Entwicklung:
Klein- und Kleinstunternehmen im Quartier haben allgemein kaum Zugang zu Fremdkapital und gelten vielfach nicht als "bankfähig". Mit einem passgenauen lokalen Mikrofinanzsystem kann dieses Problem grundsätzlich gelöst werden.
Maßnahmen-Schwerpunkte
Zum Spektrum der Instrumente zur Förderung der lokalen Wirtschaft gehören diverse Ansätze der regionalen Wirtschaftsförderung, wie die Unterstützung von Existenzgründungen, Beratungsangebote, die Bildung von Netzwerken oder Maßnahmen des Stadtteilmarketings. Der Erfolg derartiger Maßnahmen ist nicht garantiert, an Erfolgsnachweisen mangelt es noch ebenso wie an einer Einigung über die Kriterien, an denen ein solcher Erfolg zu messen ist. Umso wichtiger ist es, durch die Maßnahmen zur Förderung der lokalen Wirtschaftsentwicklung selbst einen Lernprozess in Gang zu setzen.
Aufbau bzw. Stärkung lokaler Netzwerke und kleinbetrieblicher "Cluster"
Einen zentralen Maßnahmenschwerpunkt stellte der Aufbau bzw. die Förderung netzwerkartiger lokaler Selbstorganisationen dar, in denen Akteure aus öffentlichem Sektor und Privatwirtschat zielgerichtet an der Verwirklichung von stadtteilbezogenen Förderprojekten zusammenarbeiten. Die in der Regionalpolitik etablierte Clusterförderung ist gewissermaßen ein "Spezialfall" der Netzwerkpolitik, da sie auf die Anregung sehr enger Kooperationen in bestimmten Branchen abzielt. In den Modellvorhaben des Forschungsfelds Quartiers-Impulse ging es eher um den Aufbau von Kontakten zwischen Unternehmen aus verschiedenen Branchen sowie zwischen Unternehmen und Akteuren aus Politik, Kultur und Verwaltung. Die Bildung kleinerer Branchenschwerpunkte, z.B. aus Kultur- oder Migrantenwirtschaft, wurde in einzelnen Modellvorhaben zusätzlich gefördert.
Im Zusammenhang mit den durchgeführten Maßnahmen wurden Unternehmen aus den Modellstädten dazu motiviert, sich durch finanzielle oder personelle Unterstützung an der Verwirklichung der Modellvorhaben zu beteiligen.
Der Aufbau von Standortgemeinschaften nach dem Vorbild eines BID wurde in zwei Modellvorhaben unterstützt, die sich mit der Aufwertung von Modellgebieten in City-Randlagen befassten.
Zwei Modellvorhaben, Braunschweig und Saarbrücken, konzentrierten sich auf die Revitalisierung von City-Randbereichen. Ein Element der in den USA und Großbritannien stärker etablierten "Business Improvement Districts (BIDs)", die Einbeziehung der Immobilieneigentümer in eine quartiersbezogene Förderstrategie, wurde auf diese Modellvorhaben übertragen.
Die Standorte von drei Modellvorhaben, Bayreuth, Hannover und Karlsruhe, waren außerhalb der City gelegene Stadtgebiete, deren Erneuerung u.a. durch das Programm "Soziale Stadt" gefördert wird. Die Modellvorhaben repräsentieren somit zwei Typen innerstädtischer Wirtschaftsstandorte, entsprechend ergeben sich zwei Projektansätze:
- Profilierung von Randlagen der Stadtzentren durch ein neu einzurichtendes Standortmanagement in City-Randgebieten;
- Stärkung von Branchenschwerpunkten durch KMU-Vernetzung, Gründungsförderung und Aktivierung örtlicher Großunternehmen als "starke Partner" in Stadtteilzentren.
An Aufgaben fehlt es nicht: Im Großen wie im Kleinen
Die ca. zweijährigen Vorhaben waren wie folgt strukturiert:
- Entwicklung eines Konzepts von Fördermaßnahmen durch die kommunalen Projektträger und z.T. privatwirtschaftliche Projektpartner,
- Beginn der Umsetzung, Beurteilung von Fortschritten und ggf. Strategieanpassung bzw. -korrektur, in Zusammenarbeit mit den externen Coaches und dem Begleitforschungsteam,
- Erfahrungsaustausch,
- Konzeptionelle Weiterentwicklung.
Zum Austausch von Erfahrungen zwischen den Modellvorhaben wurden mehrere "Projektwerkstätten" durchgeführt.
Mikrofinanzierung zur lokalen Wirtschaftsförderung
Mikrofinanzierung ist in Deutschland noch ein junges Instrument zu Förderung kleiner Unternehmen.
Ein Kernelement der Mikrofinanzierung ist, dass die Funktionen Kreditabwicklung und Kreditbetreuung getrennt organisiert sind. Sie liegen nicht, wie im klassischen Kreditgeschäft üblich, bei einer Bank, sondern einerseits bei einer Bank (Kreditabwicklung) und andererseits bei einem Mikrofinanzierer (Kreditbetreuung). Bei allen Modellen stellt der potenzielle Kunde seinen Kreditantrag beim Mikrofinanzierer. Der Mikrofinanzierer prüft den Kreditantrag und gibt, im positiven Fall, der kooperierenden Bank eine Kreditempfehlung.
Ein zweites wesentliches Element von Mikrofinanzierung ist die Integration eines risikotragenden Haftungsfonds. Zu der oben geschilderten Arbeitsteilung zwischen Bank und Mikrofinanzierer ist die Bank nur deshalb bereit, weil sie vollständig von Haftungsrisiken freigestellt ist. Die Haftung übernehmen Mikrofinanzierer und Risikofonds. Im Rahmen des DMI-Kooperationsmodells kann der Deutsche Mikrofinanzfonds einbezogen werden. Dieser übernimmt die Haftung für Kreditausfälle, sobald der Mikrofinanzierer für 20% eines vereinbarten Gesamt-Kreditvolumens in die Haftung genommen wurde. Diese Regel wird als "First-Loss-Prinzip" bezeichnet.
Bezogen auf einen quartiersbezogenen Mikrofinanzansatz gab es zu Beginn der Modellvorhaben noch keinerlei Erfahrungen. In den Modellvorhaben wurden daher Tandems gebildet, jeweils zwischen einem Mikrofinanzierer und einer für Quartiersentwicklung zuständigen kommunalen Stelle. Alle drei Tandems konzipierten lokale Mikrofinanzansätze und setzten diese in ihrem Quartier um. Mikrofinanzierer waren iq consult, Berlin und die KIZ AG, Offenbach, die beide bereits Erfahrungen in der Mikrofinanzierung vorweisen konnten, sowie die NORDHAND eG, Dortmund, die im Zuge des Modellvorhabens erst gegründet wurde. Die mitwirkenden kommunalen Stellen waren das Bezirksamt Berlin-Pankow, das Amt für Arbeitsförderung Offenbach am Main und die Wirtschaftsförderung Dortmund.
Das zweijährige Vorhaben war wie folgt strukturiert:
- Analyse der Ausgangssituationen in den Quartieren,
- Gewinnung lokaler Partner
- Entwicklung quartiersbezogener Mikrofinanzsysteme,
- Umsetzung in den Quartieren,
- Erfahrungsaustausch,
- Konzeptionelle Weiterentwicklung.
Zum Austausch von Erfahrungen zwischen den Modellvorhaben wurden mehrere "Projektwerkstätten" durchgeführt.
Ziel der Modellvorhaben war es, Erkenntnisse zu Einführung, Umsetzung und zum Nutzen lokaler Mikrofinanzsysteme im Quartier zu erhalten. Unter anderem sollte damit möglichen Nachahmern in anderen Quartieren die Möglichkeit gegeben werden, von den Erfahrungen der drei Modellvorhaben zu profitieren.
Die Erkenntnisse des vorliegenden Forschungsberichtes speisen sich aus Berichten der Modellvorhaben, Diskussionen in "Projektwerkstätten", ergänzenden Gesprächen mit einzelnen Akteuren der Modellvorhaben, Ortsbegehungen sowie Erkenntnissen aus anderen Projekten sowie der Literatur.
Forschungsleitfragen
Folgende Kernfragen wurden untersucht:
- Welche Erwartungen sind an neue Ansätze der lokalen Wirtschaftsförderung zu stellen und welche Maßnahmen sollten konkret ergriffen werden?
- Unter welchen Rahmenbedingungen engagiert sich die Privatwirtschaft aktiv für die Quartiersentwicklung?
- Welche organisatorischen Vorkehrungen sind zu treffen und wie können regionale, kommunale und quartiersbezogene Wirtschaftsförderung verknüpft werden?
- Können lokale Kleinunternehmen mit Hilfe spezieller Finanzdienstleistungen gestärkt und im Quartier gehalten werden?

