Kiel: Sport- und Begegnungspark Ostufer
Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere - Modellvorhaben
| Kontakt | Nico Sönnichsen, www.parkinbewegung.de |
| Projekttyp | Neue Freiräume durch Umstrukturierung von Infrastrukturflächen |
| Nutzfläche | 17 ha, hiervon 1,2 ha Mittelachse |
| Eigentümer | Stadt Kiel |
| Kooperationspartner | örtliche Projektträger und Vereine |
| Akteure | Landeshauptstadt Kiel mit den Dezernaten für Soziales, Jugend, Gesundheit, Wohnen, Schule und Sport sowie Stadtentwicklung und Umwelt; steg Hamburg mbH, Sportvereine TuS Gaarden, FT Eiche Inter Türkspor; Sportverband der LH Kiel; Sportwissenschaftliches Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; Evangelische Stadtmission Kiel |
| Planung | Planungsgruppe HASS, Rellingen (Rahmenplanung), Kessler. Krämer Landschaftsarchitekten, Flensburg (Entwurf), complizen Planungsbüro, Berlin (Kommunikationskampagne) |
Kontext
Mit den Werftansiedlungen zum Ende des 19. Jahrhunderts an der Förde entwickelte sich Gaarden von einem durch Gärten geprägten Dorf zu einem verdichteten urbanen Quartier gründerzeitlicher Prägung. Nach dem 2. Weltkrieg wählten vermehrt Gastarbeiter Gaarden als Heimat.
Heute präsentiert sich Gaarden als multikulturelles Stadtquartier. Allerdings ist es neben einer hohen Erwerbslosigkeit und der Massierung weiterer sozialer Problemlagen auch in Bezug auf die Freiraumversorgung als benachteiligt zu bezeichnen.
Zwar gibt es mehrere Sport- und Freizeitanlagen, doch liegen diese eingezäunt als isolierte Inseln im Stadtquartier. Die Sportanlagen sind sozial und funktional belegt, da Vereine und ethnisch geprägte Bewohnergruppen sie als ihr "Revier" betrachten. Außerdem sind sie unzureichend in das Wege- und Freiraumsystem eingebunden, die Zwischenräume sind zugewachsen und der Raum ist durch zahlreiche Zäune mit Barrieren verstellt und wirkt für den Besucher, der keinem speziellen Sportverein angehört, abweisend. Durch die Unübersichtlichkeit sind Angsträume entstanden, die gemieden werden und die Bewohner sind zu Umwegen gezwungen, um die dahinter liegenden Grünflächen, Schulen und benachbarten Quartiere zu erreichen.
Seit dem Jahr 2000 ist Gaarden ein Urban II- und Soziale Stadt Gebiet und kann daher bei der Umsetzung neuer Projekte auf eine rege Planungs- und Dialogkultur zurückgreifen.
| Einwohner | Stadt: 230.000 Quartier: 20.000 |
| Lage | Innenstadtrandlage |
| Quartierstyp/Baualter | Gründerzeit |
| Sozialdaten | Menschen < 18 Jahre 17,6 % Menschen > 65 Jahre 12,5 % Zuwanderer 25 % Transfergeldempfänger 30 % |
Konzept
Mit dem Modellvorhaben sollen Barrieren beseitigt und das Areal soll zu einem vielfältig nutzbaren Sport- und Begegnungspark mit Angeboten für alle Generationen entwickelt werden. Die konkreten Maßnahmen zur Öffnung und Umgestaltung des Sportareals werden in einem gestuften Beteiligungsverfahren unter Ansprache von relevanten Multiplikatoren, wie z.B. der Sportvereine, Schulen und sozialen Einrichtungen im Stadtteil, definiert.
Die Umsetzung erfolgt in Trägerschaft der Kommune in Kooperation mit örtlichen Projektträgern und Vereinen, wobei kleinteilige Bauabschnitte zur kurzfristigen Realisierung erster Maßnahmen vorgesehen sind. Der Prozess stützt sich auf bereits erprobte Beteiligungsverfahren, Netzwerke und Akteurskonstellationen im Rahmen der Sozialen Stadt.
Das Projekt befindet sich derzeit noch in der Planungsphase. Im Oktober 2008 wurde auf der Basis eines moderierten Beteiligungsverfahrens und zweier Workshops mit Experten, Vereinen und anderen lokalen Akteuren eine Rahmenplanung mit konkretisierten Maßnahmebereichen erstellt. Eine Kommunikationskampagne und ein Eventtag im künftigen Sport- und Begegnungspark sorgten für die Aktivierung und Bekanntmachung des Projektes.
Die weiteren Bausteine des Konzeptes sind:
- Erstellung eines Gestaltungskonzeptes im Rahmen eines diskursiven Gutachterverfahrens und Entwurfsbearbeitung für den Vertiefungsbereich "Hauptverbindungsachse Gaarden/Poppenrade", der bis Ende 2009 über ExWoSt umgesetzt werden soll
- Erarbeitung eines Kooperations- und Betreiberkonzeptes für den Sport- und Begegnungspark mit der Stadt und den Vereinen
Finanzierung
Investive Maßnahmen mit Initialcharakter für die Gebietsentwicklung sowie das Beteiligungsverfahren und die Projektmoderation werden über die ExWoSt-Projektzuwendung finanziert. Die Finanzierung der "Basismaßnahmen" zur Erschließung und Herrichtung sowie die Weiterentwicklung des Projektes über 2009 erfolgt mit Mitteln des Bund-Länder-Programms Soziale Stadt.
Wechselbeziehungen Wohnen – Freiräume – Gemeinschaftseinrichtungen
Da der Gaardener Stadtteil nur über eine sehr geringe Ausstattung mit Freiflächen verfügt, soll die Lebensqualität über die Inwertsetzung und multifunktionale Ausgestaltung der Aktionsräume erheblich gesteigert werden. Aufgrund der Einzigartigkeit des Angebots wird eine Verbesserung des Stadtteilimages für Gaarden, aber auch für die anderen angrenzenden Quartiere, für sehr wahrscheinlich gehalten. Von der Imageverbesserung und der Verbesserung der Nutzbarkeit und der Wegebezüge profitieren auch die am Park anliegenden Wohnnachbarschaften. Für die Gemeinschafts¬einrichtungen in Gaarden ergeben sich Synergien durch die mögliche Einbeziehung des Sport- und Begegnungsparks in ihr Angebotsprofil (z.B. offene Angebot für informelle Sport- und Bewegungsaktivitäten).
Aspekte der generationen- und zielgruppenübergreifenden Nutzung
Mit dem Aufgreifen des Identifikationspotenzials von Sport und Bewegung ("Sport verbindet") soll das Miteinander verstärkt eingeübt werden. Dabei ist die Zielgruppe des Projektes in hohem Maße heterogen, da der Sport- und Begegnungspark generationenübergreifend für alle Einwohner des Stadtteils erschlossen werden soll. Aufgrund dessen treffen viele unterschiedliche Interessen zusammen; dementsprechend soll der Park multifunktional die unterschiedlichen Sport- und Begegnungsinteressen – auch kulturübergreifend – berücksichtigen.
Erste Erfahrungen zeigen, dass sich die zielgerichtete Bürgerbeteiligung aller anliegenden Nutzergruppen als besonders erfolgreich erweist, da so alle Interessen einbezogen werden konnten und mit allen Beteiligten eine Lösungsstrategie entwickelt werden kann. Durch die enge Einbindung des türkischen Sportvereins, der über seine Mitgliederbindung hinaus gut mit der türkischen und alevitischen Gemeinde vernetzt ist, konnten die Interessen der Migranten zum Teil mit eingebracht werden. Die Vorsitzende des Kieler Forums für Migrantinnen und Migranten ist zudem als Sachverständige in einem Gutachterverfahren zur Entwicklung einer Gestaltungslinie für den Sport- und Begegnungspark und für den Ausbau der Hauptwegeverbindung beteiligt.
Erfolgreich für die Belebung des Parks sind niedrigschwellige Angebote wie die Sommerferien-Aktion "Spaß im Sportpark". In diesem Rahmen fand viel Begegnung auch zwischen Eltern und Familienangehörigen statt, die die Kinder in den Park begleiteten.
Fokus Das Parkprogramm: Ein Park in Bewegung
In Gaarden soll das räumlich isolierte und funktional belegte Sport- und Freizeitflächenareal in einen vernetzten Sport- und Begegnungspark für alle Kulturen und Generationen umgewandelt werden. Zwei Zielgruppen sind dabei besonders wichtig: die Sportvereine und die Bewohner von Gaarden. Bei ihnen soll die Erkenntnis dafür geweckt werden, welche Potenziale hier schlummern. Am Beginn des Planungsprozesses standen deshalb eine Kommunikationskampagne und öffentliche Foren im künftigen Sport- und Begegnungspark.
Im Ergebnis des Beteiligungsprozesses haben die Beteiligten folgendes Programm als Rahmen für die Gebietsentwicklung erstellt:
- Park in Bewegung
Die Bürger sollen den Park in Bewegung versetzen. Zum einen durch ihren Besuch im Park und die Betätigung bei Sport und Spiel. Zum anderen durch ihre Beteiligung an der Zukunftsgestaltung des neuen Parks. Der Park unterliegt somit einer kontinuierlichen Bewegung und flexiblen Weiterentwicklung.
- Park für Begegnung
Der Park soll ein Ort sein, an dem die Bewohner des Stadtteils Gaarden in ihrer ganzen Buntheit und Vielfalt miteinander in Kontakt kommen: Jung und Alt, Einzelne, Gruppen oder Familien, Alteingesessene wie Zugewanderte, Männer und Frauen, aktiv Sportbegeisterte ebenso wie nicht (mehr) sportlich Aktive.
Der Sport dient als Mittel zum Zweck der Begegnung; daher wird der Begriff "Sport" weit gefasst: Niedrigschwellige, spielerische Sportmöglichkeiten mit geringer Intensität gehören genauso dazu wie alternative, Szene- und trendorientierte Sportarten sowie Angebote für gesundheits- und leistungsorientierte Sporttreibende.
- Park im Blick
Die Wahrnehmung der Menschen für den Park muss geweckt werden: Er muss als ein Ort zum Verweilen und positiven Erleben ins Bewusstsein und ins Gespräch kommen. Durch die Lage am Rand des Stadtquartiers bedarf es besonders attraktiver Angebote, um die Bewohner anzuziehen und neugierig zu machen.
Was genau geschehen muss, damit die verschiedenen Gruppen im Stadtteil den Park für sich entdecken, gestalten und ihn annehmen können, wird von den Gaardener Akteuren und Bewohnern gemeinsam entwickelt. So entsteht mit dem neuen Park ein neues "Wir-Gefühl".
- Park in Ordnung
Um den Park positiv erlebbar zu machen, werden grundlegende Sicherheits- und Ordnungsbedürfnisse erfüllt:
Ein erweitertes Wegenetz mit zusätzlichen Verknüpfungen und erkennbaren Ein-gangssituationen wird erstellt. Angsträume werden abgebaut. Durch eine integrierte Planung werden bestehende Trennungen und Verinselungen aufgelöst und neue verhindert.
Die neu entstehende Ordnung wird in gemeinsamer Verantwortung der Nutzer getragen, organisiert und weiterentwickelt.
- Park der Verbindung
Der Park wird das verbindende Element zwischen Gaarden und Ellerbek, und sorgt so für engere und neue Beziehungen auf dem Ostufer.
Sport und Begegnung wirken über den Park hinaus, wenn dieser sich in und für die Stadt öffnet. Damit birgt der Sport- und Begegnungspark ein erhebliches Aufwertungs¬potenzial für die angrenzenden Stadtquartiere.
Fokus Prozess: Aufbau von Vertrauen erfordert Zeit
Die von Beginn an erlebte Offenheit der Vereine gegenüber dem Modellvorhaben ist immer auch mit einer gewissen Portion Skepsis und Zurückhaltung verbunden. Das ist auch nach gut einem Jahr intensiver Beteiligung noch der Fall. Schließlich muss sich die theoretische Erkenntnis, dass Sportvereine von einer Verbindung mit dem informellem Sport auch profitieren und sich weiterentwickeln können, in der Realität ja auch noch als richtig erweisen.
Die Beteiligungsverfahren müssen daher sensibel und schrittweise durchgeführt werden. Hierbei wird Zeit benötigt, um eine Vertrauensbasis für die weitere Kommunikation zu schaffen.
Prozesssteuerung und Moderation
Damit Freiräume für Alle und mit Allen im Quartier entstehen, muss diese Aufgabe, von vielen gemeinsam vorangetrieben werden. Innerhalb der Stadtverwaltung arbeiten deshalb Sozial- und Planungsdezernate eng zusammen. In dem entstehenden Sport- und Begegnungspark sollen die Vereine dann auch eine koordinierende Rolle übernehmen. Hierzu wird derzeit ein innovatives Konzept für die Trägerschaft erstellt.
Eine Lenkungsgruppe, in der Expertenwissen aus verschiedenen Bereichen zusammen kommt, übernimmt die Rolle des Vordenkens, der Ideenentwicklung und kritischen Beobachtung des Prozesses.
Die gesonderte Beauftragung der Moderation des Planungsprozesses erleichtert die Kommunikation unter den Akteuren sowie zwischen der Verwaltung und den externen Projektpartnern vor Ort.
Der frühzeitige Aufbau des Beteiligungsverfahrens durch Informationen auf verschiedenen Ebenen und die Einrichtung von Runden für verschiedene Zielgruppen hat das Projekt im Stadtteil verankert und dafür gesorgt, dass eine Wahrnehmung des Parks als Gesamtheit vermittelt wurde.
Als Methode bewährt haben sich Workshops, bei denen die Akteure in einen aktiven Dialog einbezogen werden, Ideen einbringen und weiter entwickeln können. Dadurch gelingt es, die Fokussierung auf die bestehenden Defizite langsam aufzubrechen und den Wunsch nach tatsächlichen Verbesserungen und vor allem einem positiveren Image für den Stadtteil zu nutzen.
Inzwischen hat sich ein "harter Kern" von Beteiligten herausgebildet, die ein Interesse daran haben, den Prozess weiter voran zu bringen. Um diese Akteure zu stärken und weitere mitzunehmen, die zurückhaltender oder skeptischer sind, ist es wichtig, dass in der nächsten Zeit erste wahrnehmbare Veränderungssignale erfolgen.
Den Park in die Köpfe bringen
Auf einem Eventtag konnten innovative Sportgeräte erprobt und Ideen für die Parkentwicklung eingebracht werden. Kindergruppen erforschten und eroberten die Fläche. So kam der Park in Gaarden ins Gespräch – und in den Köpfen der Beteiligten entstand ein positives Bild. Vor allem die Sportvereine haben seitdem viele Ideen entwickelt, wie das Areal geöffnet und mit Angeboten für alle Generationen angereichert werden kann.
Erfahrungen und Übertragbarkeit
In Quartieren mit Freiraumdefiziten kann eine erhebliche Aufwertung erreicht werden, indem blockierte Freiräume für das Stadtquartier geöffnet werden.
Veränderungen tradierter Nutzungen und Bindungen benötigen Zeit. Vereine und Anwohner sind gleichermaßen in den Planungsprozess zu integrieren, um gemeinsame Projektziele zu entwickeln.
Für die Projektentwicklung und Prozessbegleitung ist eine kontinuierliche interdisziplinäre Zusammenarbeit dezernats- und ämterübergreifend mit engen Schnittstellen zwischen den Fachressorts erforderlich. Solche Umstrukturierungsprojekte, die auch "Besitzstände" in Frage stellen benötigen frühzeitig eine optimale politische Unterstützung.
Durch Events und temporäre Maßnahmen im Freiraum können zukünftige Nutzungen vorweggenommen, "vergessene" Areale bekannt gemacht werden und die Projektidee in die Köpfe der Anwohner gebracht werden.
Da in vielen deutschen Städten ähnliche Barriereräume existieren, hätte ein Erfolg auch überregionale Bedeutung.
Weiterführende Informationen
Die Projektbeschreibung können Sie sich hier auch als barrierefreie PDF herunterladen.
Download (pdf/499-KB)
Bausteine und Perspektiven zur Verbesserung der sozialen Situation im Sozialraum Gaarden in Kiel

