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Kunst-am-Bau-Wettbewerb

Ergebnisse des Kunst-am Bau-Wettbewerbs Dokumentations- und Bildungszentrum "Repression in der SED-Diktatur"

Aufgabe des Wettbewerbs
Im Haus 1 des Komplexes des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit in der Normannenstraße 20 in Berlin-Lichtenberg wird ein Dokumentations- und Bildungszentrum "Repression in der SED-Diktatur" eingerichtet. Von 1962 bis 1989 hatte hier Erich Mielke, der letzte amtierende Minister für Staatssicherheit, seinen Dienstsitz.  

Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz und erhält zurzeit eine Grundsanierung. Die Finanzierung erfolgt aus dem Konjunkturpaket II. Mit den hier vorgesehenen Mitteln für Kunst am Bau sollen unter Berücksichtigung der denkmalpflegerischen Vorgaben künstlerische Interventionen im Außenbereich von Haus 1 umgesetzt werden. Damit soll die Außenwirkung des Museums erhöht, die Auffindbarkeit, die "Sichtbarmachung des Ortes" sowie die außenräumliche Situation gestalterisch verbessert werden.

Vorschläge für neue Beschilderungen bzw. künstlerische Hinweise oder Zeichen direkt im Eingangsbereich sowie im näheren Umfeld konnten vorgeschlagen werden 

Der Wettbewerb wurde als einstufiger, begrenzt-offener Kunst-am-Bau-Wettbewerb nach dem Leitfaden Kunst am Bau sowie in Anlehnung an die RPW 2008 ausgelobt. Das Verfahren war anonym.

Ergebnisse des Wettbewerbs

1. Preis: Arbeit 1482
EINGEGANGEN am...
raumlaborberlin - Francesco Apuzzo, Jan Liesegang, Benjamin Foerster Baldenius, Berlin
Mitarbeit: Tomas Petermann, Eduardo Conceição

raumlaborberlin Quelle: raumlaborberlin

Projektbeschreibung
Der früher optisch abgeschirmte und verborgene Ort soll nun durch einen gigantischen Stempel, der quer über den Vorplatz, das Vordach und das Hauptdach von Haus 1 reicht, die ehemalige Zentrale des MfS sichtbar machen und deutlich markieren.
Ein überdimensionierter erhabener Schriftzug konfrontiert die Besucher mit etwas, was scheinbar unvollständig ist, und fordert dazu auf, das Gelesene zu ergänzen: EINGE / am ….
Zugleich wird mittels Satellitenbildern der Ort virtuell markiert; nicht skalierbar, nicht editierbar; als "ein subjektives Zeichen in einem scheinbar objektiven Raum".
Der Stempel "Eingegangen am …" soll den Wahnsinn transportieren, den "diese Maschine als bürokratischen Apparat funktionieren ließ: Hierarchien, Ordner, Papier, Schreibmaschinen, Ablagen, Registratur, Karteikarten, Aktenschränke, Telefone, Umschläge und Stempel".

Aus der Beurteilung durch das Preisgericht
Die Arbeit löste eine durchaus kontroverse Diskussion aus, die erst in ihrer Verdichtung zur Entscheidung für die Arbeit führte.
Der lapidar über den Grundriss des ehemaligen Staatssicherheitsgebäudes gelegte Eingangstempel entfaltet sich räumlich extrudiert vom Vorplatz des Baus über das Vor- bis zum Hauptdach. Er kann in Teilen von Passanten auf dem Vorplatz gesehen werden, weitere Elemente erschließen sich dem Besucher des Hauses beim Blick aus den höheren Etagen. Außerdem wird der Stempel sich in das Bild des Stadtteils einschreiben, wie es in modernen Kommunikationsmedien durch Luft- und Satellitenaufnahmen vermittelt wird.

Dabei entwickelt sich der als konzeptuell wahrgenommene, zunächst durchaus einfache Entwurf mit der Zeit in einer profunden multiperspektivischen Ambivalenz: ausgehend von der individuellen Perspektive desjenigen, der das Gebäude betritt, wird die zunehmende Totalität des Blicks über die höheren Geschosse des Gebäudes bis hin zum Satellitenbild mit Überwachung, Kontrolle, Registrierung, Disziplinierung und Vereinnahmung identifiziert.
In dieser einmaligen Deklination erreicht die Arbeit anhand eines einfachen Objekts eine subtile Komplexität, die Aspekte wie die Konfrontation des Individuums mit dem Totalitären genauso berührt wie die latente Fortsetzung solcher Politiken ins Zukünftige.

Mit seiner konzeptuellen Offenheit, die die poetisch wie kontextbezogen vielfältigen Deutungsmöglichkeiten des kurzen Vermerks "Eingegangen am .............." im Eingangsbereich des Gebäudes andeutet, nie festschreibt und zudem räumlich fragmentiert, so dass sie erst in der Totalität des WorldWideWeb in Gänze erkennbar wird, kann der Entwurf in eine Zukunft weisen, in der sich das Kunstwerk als Arbeit selbst, aber speziell auch als Initiator eines gesellschaftlichen Diskurses über Staatssicherheitsvergangenheit, die Rückeroberung der Bürgerrechte und unsere aktuelle Verantwortung für die Wahrung dieser Freiheit zu generieren vermag.

Insofern ist die Arbeit als eine komplexe minimalistische Intervention im öffentlichen Raum zu sehen, die in der klassischen Ambivalenz und Offenheit einer abstrakten Arbeit zum einen ein autonomes Werk ist, das das historische Gebäude respektiert, zum anderen aber in seiner Kontextbezogenheit die Fähigkeit besitzt, das Thema des Hauses in einer aktiven gesellschaftlichen Diskussion zu halten und nachhaltig zu aktualisieren.

raumlaborberlin, LuftbildLuftbild Quelle: raumlaborberlin



Engere Wahl: Arbeit 1485
Spiegelspion STASI
Susanne Weirich, Berlin
Mitarbeit: Jens Koppe

Susanne WeirichQuelle: Susanne Weirich

Projektbeschreibung
Zwei Materialien, die zur Überwachung und gleichzeitig selbst zur Tarnung eingesetzt wurden, werden inszeniert. Ein mit Einwegspiegeln (Spionspiegeln) versehener Schriftzug STASI wird auf die Vorderkante des Vordachs gesetzt. Die Buchstaben tarnen sich je nach Lichteinfall in der Umgebung. Bei Einbruch der Dunkelheit wird der Spiegel durchlässig und die Schrift leuchtet. Seitlich neben der Wand stehen zwei mit Einwegspiegeln versehene Tafeln mit Informationen für die Besucher.

Leitsystem: An mehreren Orten im näheren Umfeld werden Hinweisschilder mit den zentralen Elementen – Spiegel, Wabenstruktur – aufgestellt.


Arbeit 1481
Staatsunsicherheit
Rainer Görß, Berlin
Mitarbeit: Anita Rudolph

Rainer GörßQuelle: Rainer Görß

Projektbeschreibung
Vorgeschlagen wird eine mehrteilige Arbeit, die sich "gegen politisch motivierte staatlich-behördliche Repression und für Zivilcourage und Widerstand" einsetzen will. Dazu sollen "Spuren-Elemente der Gebäudegeschichte" thematisiert werden, um so innere und geheime Vorgänge von außen erkennbar zu machen. Vom Securitate Graffiti im Sockelgeschoss ergänzen 12 Tafeln die "Widerstandslinie" und zeigen die Charakteristika der Staatssicherheit und des Widerstandes auf. Ebenso werden die Eingangs-Wabenwand und die seitlichen Wabenwände, sowie die Fenstergitter künstlerisch inszeniert.

Das Leitsystem "der Informant" dient als Informationsträger an unterschiedlichen Orten der Blockbebauung. Sehschlitze in den L-Plattenelementen lenken den Blick dabei auf Haus 1. 

Arbeit 1483
Das Konkrete im Abstrakten
Holger Beisitzer, Berlin

Holger BeisitzerQuelle: Holger Beisitzer

Projektbeschreibung
Drei Masten mit Wind-Rotations-Elementen sollen vor der Wabenwand aufgestellt werden. Die gefalteten Elemente sind mit einem abstakten Muster in gelb-schwarz bedruckt. Bei leichtem Wind werden kurzzeitig Bilder erkennbar: Ein Auge, ein Mund und ein Ohr. Sie können als Anspielung auf die Zentrale der Stasi aber auch auf die Aufarbeitung (die Akten ansehen, den Opfern zuhören, von den Erfahrungen berichten) gelesen werden. Schwarz-gelbe Schilder an unterschiedlichen Standorten des Geländes werden mit Lageplan und Erläuterungen sowie vor Ort ansässigen Institutionen versehen.

Leitsystem: Schwarz-gelbe Schilder an unterschiedlichen Standorten des Geländes werden mit Lageplan und Erläuterungen sowie vor Ort ansässigen Institutionen versehen.

Arbeit 1484
Moritz Götze, Halle

Moritz GötzeQuelle: Moritz Götze

Projektbeschreibung
Als für jedermann wieder erkennbares Signet markiert das abstrahierte Bild des Stacheldrahtes die Gebäudefassade der ehemaligen MfS Zentrale. Symbolhaft will es auf die Geschichte des Gebäudes verweisen, das ehemals Verborgene im Körper der Gesellschaft sichtbar machen und als prägnantes Symbol für Repression, Bedrohung und Gefangensein verstanden werden.
Die Farbe Rot soll auf die latente Gefahr, die von hier ausging, hinweisen. Sie kann aber auch "als Anspielung auf die Symbolfarbe des Kommunismus" verstanden werden.

Leitsystem: An verschiedenen Standorten des Geländes können Emailleschilder angebracht werden. Sie sind mit dem Begriff "STASI" beschriftet und mit der Zeichnung eines roten Stacheldrahtes, der als Pfeil angelegt ist, versehen.


Arbeit 1486
Rasterauge
Jörg Herold, Rothspalk

Jörg HeroldQuelle: Jörg Herold

Projektbeschreibung
Eine 2 Meter große kugelförmige mit Epoxidharz versehene Betonplastik wird vor der Wabenwand in einem "Nest" platziert. In der Kugelmitte stellen farbige Kacheln Iris und Pupille dar. Die Arbeit will daran erinnern, "dass die Vergangenheit eines menschenunwürdigen Überwachungsstaates jeder Zeit wieder Realität werden kann, insbesondere mit den uns heute zur Verfügung stehenden Mitteln der digitalen Revolution".


Arbeit 1487
Super Grotesk
Via Lewandowsky, Berlin

Via LewandowskyQuelle: Via Lewandowsky

Projektbeschreibung
Vorgeschlagen wird eine weiße Leuchtschrift mit dem Schriftzug STASI, die auf der nordöstlichen Ecke des Vordaches von Haus 1 montiert wird, so balancierend, dass nur das "A" nicht frei schwebt. Der Schriftzug benutzt den in der DDR weit verbreiteten Schriftfont "Super Grotesk". In der Höhe von 2,80 Meter entspricht er einer Etage der umliegenden Wohnblocks Typ WBS 70 aus DDR-Zeit. Wie ein Provisorium oder abmontiertes Firmenlogo scheint er hier abgestellt worden zu sein. "Der Sichtschutzwall wird so zum Träger für das vormals geheim gehaltene Verborgene. Ein so überdimensionierter Verrat wird zum Gedenken und Andenken."

Leitsystem: Der Schriftzug kann für weitere Markierungen im Außenraum mit weitergehenden Informationen genutzt werden.

Preisgericht
Das Preisgericht tagte am 11. Februar 2011.

Fachpreisrichter
Dr. Andreas Broeckmann, Kunstwissenschaftler und Kurator
Markus Ambach, Künstler
Prof. Dr. Stefanie Endlich, UdK Berlin
Inge H. Schmidt, Künstlerin

Stellvertretende Fachpreisrichter
Annette Paul, Künstlerin
Tino Bittner, Künstler

Sachpreisrichter
Dr. Susanne Olbertz, BKM
Nikolaus Mölders, BBR
Manfred Reuß, BImA

Stellvertretende Sachpreisrichter
Eberhard Weber, BBR
Oliver Dahms, BImA


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