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Goethe-Institut Taschkent - Investorenprojekt

Erdbebensichere Sanierung eines sowjetischen Typenbaus

Übergabe des sanierten GI im März 2007-12-03Übergabe des sanierten GI im März 2007-12-03 Quelle: BBR

Bundesamt für Bauwesen und RaumordnungReferat III A2
InvestorBBS-Bau H. Funk, Pforzheim
GI-ZentraleBereich 533 Liegenschaften- baufachliche Vertretung des Nutzers
Entwurfsplanung, Überwachung der Bauausführung, InnenausbauBüro André Janka, Berlin
PrüfstatikerBüro CRP, Berlin
Rohbau2000-2002
Grundstücksgröße2.052 
Hauptnutzfläche1.188
Gesamtkosten (nur Honorare + Reisekosten)167.000 Euro
Anmietung10.06.2004
Baubeginn25.11.2005
Fertigstellung - Übergabe23.03.2007

Vorgeschichte

Nach der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 wurde die Gründung einer Vielzahl neuer Goethe-Institute in den Hauptstädten der Nachfolgestaaten erforderlich. Dementsprechend wurde auch in Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans und ein Standort von herausragender Bedeutung in Zentralasien, ein Goethe-Institut neu gegründet. Da sich der usbekische Staat auf Grundlage einer Verbalnote verpflichtet hatte, dem Goethe-Institut eine mietkostenfreie Unterbringung zu stellen, wurden ihm 1998 Räumlichkeiten in der Weltsprachenuniversität neben dem Britisch Council zugewiesen.

Der schlechte bauliche und technische Zustand der Räumlichkeiten und die völlig unzumutbaren Sanitäreinrichtungen führten dazu, dass bereits nach kurzer Zeit der Ruf nach einer Neuunterbringung des Instituts in geeigneten Räumlichkeiten laut wurde. Den letzten Ausschlag für die Neuunterbringung gab jedoch die extreme Erdbebengefährdung des Standorts.
In den Jahren 2000 bis 2002 waren weltweit alle Standorte der Bundesrepublik Deutschland auf ihre Gefährdungslage hin und auf die Standsicherheit der sich dort befindenden Gebäude untersucht worden. Taschkent steht weltweit an Rangnummer 11 der gefährdeten Standorte von Deutschen Vertretungen im Ausland mit einem PGA-Wert von 4,0 Meter pro Sekunde².
(Vergleich: Almaty: 7,5, (1. Stelle); Kyoto: 3,8 (Stelle 16)).
Insofern kommt der Erdbebensicherheit der Gebäude in diesen gefährdeten Ländern eine besondere Bedeutung zu.
Nach längerer erfolgloser Immobiliensuche konnte das Goethe-Institut schließlich im Jahr 2004 einen freistehenden, solide wirkenden, aber nur halbfertigen sowjetischen Stahlbeton-Skelettbau an der Amir-Timur-Straße, in Nachbarschaft des zentral gelegenen Alaiski-Marktes, zu äußerst günstigen Konditionen anmieten. Der Standort ist verkehrstechnisch sehr gut angebunden, da sich eine U-Bahn Station und ein Busbahnhof in unmittelbarer Nähe zum Gebäude befinden.
Entsprechend den Anforderungen des Goethe-Instituts, verpflichtete sich der Vermieter dieses Gebäude unter Einhaltung deutscher Bauvorschriften auszubauen. Auch versicherte er, dass der Rohbau erdbebensicher ist, da er nach usbekischem Standsicherheitsnormen gebaut worden sei.

Anmietung

Am 10. Juni 2004 mietete das Goethe-Institut schließlich das Gebäude an der Amir-Timur-Straße auf Basis eines durch eine Vielzahl von Anlagen und Protokollen präzisierten Mietvertrages an. Dabei wurde der Vermieter auf Grundlage einer vorgegebenen Umbauplanung im Vorentwurfsstadium dazu verpflichtet, ein erdbebensicheres Institutsgebäude zu erstellen, das deutsche Bausicherheitsvorschriften vollumfänglich erfüllt. Bis zum Beginn der Ausbaumaßnahmen verging jedoch mehr als ein Jahr. Wie ist das zu erklären? Was war passiert?
Zum einen tat sich der Vermieter sehr schwer, eine den deutschen Vorstellungen entsprechende detaillierte Umbauplanung zu erstellen und diese durchgehend mit detaillierten Qualitäten zu unterlegen. Zum anderen kristallisierte sich erst nach der Anmietung heraus, dass der Rohbau in keiner Weise die Standsicherheit nach Eurocode 8 erfüllte.
Da hier für usbekische Verhältnisse in jeder Hinsicht Neuland beschritten wurde, wurde allen Beteiligten schnell klar, dass sämtliche Ausbaustandards auf Basis einer detaillierten Planung durchgehend vorgeschrieben werden musste. Unter fachkundiger Vorbereitung und Betreuung durch das BBR wurde daher die komplette Entwurfsplanung (einschließlich der Haustechnik) und die Erstellung eines detaillierten Raumbuches über das BBR an einen deutschen Architekten vergeben. Auf Grundlage dieser Unterlagen musste der Vermieter die dazugehörige Statik erstellen, die dann wiederum durch einen vom BBR beauftragten Statiker geprüft wurde.

Zustand des angemieteten GebäudesZustand des angemieteten Gebäudes Quelle: BBR

GI-Taschkent – Zustand des angemieteten Gebäudes

Danach folgte eine Zeit des zähen Verhandelns mit dem Investor, da dieser nach Vorlage des Raumbuches und den darin aufgelisteten Qualitäten sowie nach Festlegung aller erforderlichen statischen Verstärkungsmaßnahmen feststellte, dass er in wesentlichen Punkten neu kalkulieren musste. Zum einen war der Investor von usbekischem Ausbaustandard ausgegangen und zum anderen hatte er nicht mit derart aufwendiger Verstärkungsmaßnahme gerechnet.
Trotz der enormen Erdbebengefährdung des Standorts ist das Errichten von Gebäuden nach international anerkannten Sicherheitsstandards wie den amerikanischen oder japanischen Vorschriften oder dem Eurocode 8 in Usbekistan nach wie vor vollkommen unüblich. Ihre Umsetzung ist daher weder den örtlichen Behörden noch den dortigen Statikern und Baufirmen bekannt. Da man die Verstärkungsmaßnahmen als vollkommen überzogen erachtet, gestaltet sich ihre Durchsetzung äußerst schwierig.
Alleine für die Durchführung der erforderlichen Verstärkungen wurden die immensen Mengen von 160 Tonnen Stahl und 700 Beton errechnet. Bei den derzeitigen steigenden Stahlpreisen bedeutete das für den Vermieter umfangreiche zusätzliche Investitionen.
Auf der Grundlage dieser Erkenntnis musste der ursprünglich vereinbarte Mietpreis (5 Euro/) und die damit verbundene Mietvorauszahlung neu verhandelt werden. Zwei weitere Ergänzungen zum Mietvertrag (25.04.2005 und 30.03.2006) mit detaillierten Vereinbarungen zur Statik, Ausbaustandard und eine Anpassung des Mietpreises auf 9 Euro/ waren erforderlich.
Weiter wurde für die Zeit der Baudurchführung vereinbart, dass der Architekt und der deutsche Prüfingenieur die vereinbarten Qualitäten und deren bautechnische richtige Ausführung, insbesondere der Verstärkung des Tragsystems, baubegleitend überwachen und prüfen sollten.

Ausbau

Am 25. November 2005 begann dann endlich die erste Bauphase, der Rückbau der Außen- und Innenwände, sowie einer Treppenanlage als Vorbereitungsmaßnahme für die erforderlichen Verstärkungsmaßnahmen.

Zustand nach Rückbau der unzureichenden bautechnisch ausgeführten Innen und AußenwändeZustand nach Rückbau der unzureichenden bautechnisch ausgeführten Innen und Außenwände Quelle: BBR

In der zweiten Bauphase (Februar 2006 bis August 2006) wurden vom Keller beginnend bis ins 2. Obergeschoss die Verstärkungsmaßnahmen durchgeführt. Hierbei wurde das vorhandene "weiche" Tragwerk, welches aus einem räumlichen Stahlbetonrahmensystem mit biegesteifen Knoten und eingespannten Stahlstützen bestand, im Wesentlichen durch den Einbau von Stahlbetonaußenwänden verstärkt.
Eine besondere Problematik hierbei war die zum Teil sehr engmaschige Bewehrung und die damit verbundene Schwierigkeit, den Beton von Hand in die Schalung einzudringen und auch von Hand ordnungsgemäß zu verdichten.

Detailansicht der Bewehrung im FensterbereichDetailansicht der Bewehrung im Fensterbereich Quelle: BBR

Parallel hierzu wurde ab Juni 2006 in der dritten Phase das Gebäude ausgebaut, entsprechend des Baufortschrittes. Im Dezember 2006 waren 90 Prozent des Innenausbaus abgeschlossen und von Januar 2007 bis Ende Februar 2007 erfolgte der Einbau der festen Möblierung sowie die Anstrich- und Bodenbelagsarbeiten.

Ansicht der Empfangstheke Ansicht der Empfangstheke Quelle: BBR

Was die Maßnahme auszeichnet ist zum einen die sehr enge Zusammenarbeit auf Auftraggeberseite und zum anderen der Wille aller Beteiligten, ein erdbebensicheres Gebäude, aber auch ein Gebäude, das den kulturellen Ansprüchen eines Goethe-Institutes gerecht wird, als Investorenprojekt in Zentralasien zu verwirklichen.
Dies hat von allen Beteiligten sehr viel Verständnis, Kompromissbereitschaft, Durchsetzungswillen und auch das Vermögen mit immer neuen Problemen umzugehen gefordert. Das Ergebnis belohnt alle für Ihre Mühe. Immerhin handelt es sich hierbei um eines der ersten erdbebensicheren Gebäude nach Eurocode 8 in Zentralasien.

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